
Irgendwas zwischen Kommune und Camping à la Ferme
Nachdem wir es tunlichst vermieden hatten, beim Hereinfahren eines der freilaufenden Hühner zu überrollen, suchte das Federvieh uns begrüßungshalber gleich am Wohnwagen auf. Der Hofhund, die Katzen und die Gänse erwiesen sich als deutlich zurückhaltender.

Freie Platzwahl im rezeptionsnäheren Bereich, weiter hinten müsste es angesichts des Ausmaßes der Terrains freie Wiesenwahl heißen. Das Grundstück ist 13 Hektar groß, durchschnittlich hat jeder Stellplatz etwa 3500 qm zur Verfügung. Sieben oder acht Mietunterkünfte, jeweils in Alleinlage, die, wie sich bei nachbarschaftlichem Talk herausstellte, ziemlich müffeln. Ist uns einerlei.

Der Platz ist als Verein nach französischem Recht organisiert, die Preise sind fair, es drängt sich nicht der Eindruck auf, eine Gewinnerzielungsabsicht habe Priorität. Mit unserem offensichtlich neueren Wohnwagenmodell und dem passenden Zugfahrzeug wurden wir erst ein wenig wie Aliens gemustert, das legte sich aber schnell. Nach 10 Minuten Schwatz mit einem der Vereinsmitglieder bekam ich schon die Einladung, deren WhatsApp-Gruppe beizutreten.
Das Publikum ist tendenziell eher der gemäßigt alternativen Szene zuzurechnen, ein paar Aussteiger finden hier ihr Domizil. Mit quäkenden Kinder wird diskutiert und das Für und Wider abgewogen. Die Ärmsten.
Immerhin eine Bar mit Restaurant. Auf Bestellung Pizza, auch mal Burger, aber nur vegetarisch. Magst du nicht? Dann eben vegan. Fritten gibt’s dazu. Am Tresen nimmst du dir dein Bier selbst aus der Kühlung. Abgerechnet wird später. Gleiches Prozedere für Biogemüse, Eier von glücklichen Hennen, leckeren Kuchen und anderes mehr.
Das klingt vielleicht ironischer, als es gemeint ist. Die Leute hier sind wirklich sehr nett und freundlich, auf angenehme Art zurückhaltend. Sanitär ist einfach, immer sauber, ein zwei WCs mehr könnten nicht schaden. Duschen schön warm.
Ich muss hier keine Wochen verbringen, aber zwei drei Tage die Ruhe und besondere Atmosphäre zu genießen hat was. Zumal meine bisher limitierten Erkenntnisse über das Universum beim unabsichtigen Lauschen von tiefgründigen Gesprächen eine profunde Erweiterung erfuhren. Auf die berührende Erfahrung der Begegnung mit Bhagwans Reinkarnation zu verzichten wäre ein bedeutender Verlust gewesen. Er ist, man staune, mit Fahrrad und Zelt unterwegs. Nix Rolls-Royce. Kölner.
Ein Blick auf die Uhr: 21:52. Man hört nichts, absolut gar nichts.
Am nächsten Morgen wird das Gelände ausgiebig erkundet. Weiter oben, vorbei an Jesus, der in seinem Schrottwohnwagen zu meditieren scheint, noch mit Strom, Stellplätze auf einer Wiese. Naturnaher und individueller geht kaum. In Italien würde auf so einem Terrain ein kompletter Campingplatz entstehen, hier sind es ca. zwei bis drei Ar pro Camper. Noch weiter, wieder den kleinen Hügel runter, erreicht man nach einem 3-minütigen Fußmarsch den zu Semnadisse gehörenden Badesee. Herrlich.
Alles passt zusammen, auch die ollen Sanitärräume. So bekommt dieser besondere Platz gerne die volle Punktzahl. Le Petit Paradis? Vielleicht nicht unbedingt in der klassischen Vorstellung, aber ein Paradies für authentisches Camping ganz klar.